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K e p l e r - G e s e l l s c h a f t e. V.
W e i l d e r
S t a d t
- interessant für unsere Jugend?
von
Manfred Fischer und Ernst Kühn *
Im Universum, im Kosmos gibt es, nach allem was wir heute
wissen, mehrere hundert Milliarden Galaxien – eine davon ist unsere
Milchstraße. Unsere Milchstraße ist dabei eine der eher kleineren Galaxien.
Jede Galaxie umfaßt im Mittel etwa 100 Milliarden Sterne – also Sonnen. Dazu
kommen in allen Galaxien vermutlich mindestens ebenso viele Planeten wie
Sterne. Es gibt also insgesamt unvorstellbar viele Galaxien, Sterne und –
vermutlich auch – Planeten.
Unser Sonnensystem, welches sich eher am Rande unserer Milchstraße befindet, ist daher eines von insgesamt etwa 10 Milliarden Billiarden - oder 10 hoch 22 - Sonnensystemen im Kosmos. Alle Planeten bewegen sich gemäß den drei Planetengesetzen die Johannes Kepler 1609 und 1618 entdeckte. Auch die Flugbahnen all der Satelliten und Raumfahrzeuge, die der Mensch in den erdnahen Weltraum und in unser Sonnensystem hinausschickt, gehorchen in ihren antriebslosen Flugpassagen - in einem erweiterten Sinne - den Kepler’schen Planetengesetzen.
Zur Erinnerung: Vor knapp 50 Jahren erst, 1957, wurde der erste Erdsatellit, der sowjetische Sputnik, gestartet. Erst Mitte des 21. Jahrhunderts werden die 1977 gestarteten NASA-Raumfahrzeuge Voyager 1 und 2 in den äußeren Bereich unseres Sonnensystems vorgestoßen sein und am Planeten Pluto vorbeifliegen, ehe sie in der Tiefe des Kosmos verschwinden.
Wer
aber war Johannes Kepler (1571 – 1630)?
Es
ist an dieser Stelle natürlich nicht möglich, das überragende Lebenswerk
Keplers erschöpfend darzustellen. An Johannes Kepler bewundern wir vor allem
den immer auf das Große gerichtete Geist und den lauteren Charakter, dem
zeitlebens alles Kleinliche und Egoistische fremd blieb. Kepler lebte in einer
Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche. Reformation, Gegenreformation und
Dreißigjähriger Krieg beeinflußten sein Leben auf vielfältige Weise. Doch trotz
aller Widrigkeiten hinterließ Johannes Kepler ein Werk von höchst
eindrucksvoller wissenschaftlicher Vielfalt.
Er
leistete nicht nur Bahnbrechendes in der Astronomie, sondern schuf auch
wegweisende Grundlagen in der Mathematik und Optik, und befaßte sich intensiv
mit Musiktheorie, Naturphilosophie, Theologie und Chronologie. Er erfand das nach ihm benannte
Astronomische Fernrohr und entwickelte ein Verfahren zum Ausmessen von
Weinfässern. Er machte sich im beginnenden 17. Jahrhundert ganz genaue
Vorstellungen über das Himmelsschauspiel, das sich einem Betrachter vom Mond
aus bietet: den blauen Planeten Erde, die gleißende Sonne, den noch
komplizierteren Lauf der Planeten in der 14 Erdtage dauernden Mondnacht,
Sonnenfinsternisse, Erdfinsternisse und vieles mehr. Welch kühne Gedanken und
Visionen, vor allem zu der damaligen Zeit!
An einer späteren Raumfahrt der Menschen hatte er keinen Zweifel. Keplers Vision einer bemannten Raumfahrt wird deutlich im folgenden Zitat:
„Man schaffe Schiffe und Segel, die sich für die
Himmelsluft eignen. Dann wird es auch Menschen geben, die vor der öden Weite
des Raumes nicht zurückschrecken werden“
(aus Keplers „Dissertatio
cum Nuncio Sidereo“, Prag
1610)
Der alte Menschheitstraum, zum Mond zu fliegen, wurde im 20. Jahrhundert mit dem amerikanischen Apollo-Projekt Wirklichkeit, auf der Grundlage der Keplerschen Planetengesetze und der übergeordneten Mechanik von Isaac Newton.
Seine
wichtigsten Leitgedanken zusammengefaßt:
·
Kepler ist
zutiefst überzeugt, daß Gott die Welt, den Kosmos, so erschaffen hat, daß der Mensch diesen Schöpfungsplan begreifen kann – wenn
er sich genügend anstrengt.
·
Die Sonne ist der „Sitz einer bewegenden Kraft“, die die Planeten auf ihrer Bahn
hält und bewegt. Diese Kraft ist um so schwächer, je
weiter ein Planet von der „Quelle“ der
Kraft entfernt ist.
Dieser Leitgedanke ist der Ausgangspunkt für die von Kepler später
gefundene Himmelsmechanik. Mit der Vorstellung, daß von der Sonne Kräfte auf
die Planeten wirken, denkt Kepler als erster Astronom physikalisch und nicht
nur geometrisch und kinematisch, wie alle Astronomen vor ihm. Er dachte dabei
allerdings an „magnetische“ Wechselwirkungskräfte zwischen Sonne und Planeten,
die dank ihrer mathematischen Struktur automatisch zur richtigen Bahn und
Bahngeschwindigkeit führen. Es blieb Isaac Newton vorbehalten, gegen Ende des
17. Jahrhunderts die Gravitationskraft als die übergeordnete Ursache zu entdecken.
·
Die Bahn der
Erde ist wie die aller anderen Planeten zu behandeln – besitzt also keine Sonderrolle.
Auch
damit greift Kepler über Kopernikus hinaus, der den Mittelpunkt der Erdbahn
keineswegs direkt in den Mittelpunkt
der Sonne verlegte, sondern in den so
genannten Ausgleichspunkt. Kopernikus blieb auch bei der alten aristotelischen
Vorstellung, daß die Erde eine
kreisförmige Bahn beschreibt und diese mit konstanter Geschwindigkeit
durchläuft.
·
Es muß eine Harmonie bestehen zwischen den Geschwindigkeiten der
Planeten.
Kepler
greift damit nach etwa 2000 Jahren Platons Ideenlehre von der Harmonie und
Schönheit der Naturgesetze auf.
Platon (427 – 347) war der Schüler von
Sokrates (469/470 – 399) und Lehrer von Aristoteles (384 – 322).
·
Theoretische
Überlegungen und Erkenntnisse müssen mit allen Beobachtungen und Experimenten im Einklang sein - jedenfalls im
Rahmen der Beobachtungs-genauigkeit - andernfalls
sind sie falsch.
Johannes Kepler hat mit diesen Leitgedanken sein großartiges Lebenswerk geschaffen und - zusammen mit Galileo Galilei, René Descartes und anderen Gleichgesinnten - Anfang des 17. Jahrhunderts die neuzeitliche Naturwissenschaft begründet.
Johannes
Kepler, interessant für unsere Jugend?
Das Wissen über grundlegende, ursächliche Zusammenhänge in
der Natur kann nie als endgültig abgeschlossen gelten, das menschliche Wissen
ist vielmehr ständig auf dem Prüfstand neuer Erfahrungen. Forschung ist immer
dann besonders spannend, wenn althergebrachte, scheinbar felsenfeste Theorien
ins Wanken geraten, sei es durch neuere Beobachtungen, sei es durch Auswertung
alter Beobachtungen unter neuartigen Fragestellungen.
In eine Zeit solcher
radikaler Erneuerungen fällt das Leben und Wirken von Johannes Kepler.
Kepler steht herausragend für das Wiederaufleben, die
Renaissance, dieser uns heute so selbstverständlich erscheinenden
Forschungslogik, die in der Antike einmal gegenwärtig gewesen war, im
christlichen Abendland des Mittelalters jedoch stark überdeckt war von
dogmatisch kanonisiertem „Wissen“, das kritisch zu hinterfragen geradezu
gefährlich geworden war. Im arabischen Morgenland dagegen hatte die „freie“
Wissenschaft der Antike überlebt und sogar bedeutende Fortschritte erzielt.
Über Italien und besonders Spanien waren die Kenntnisse darüber in den beiden
vorangegangenen Jahrhunderten langsam auch wieder nach Mitteleuropa gedrungen.
Konflikte mit einem eingeschliffenen Dogmatismus konnten
nicht ausbleiben. Auch und insbesondere Kepler gerät mitten in diese Konflikte
hinein. Sein Wirken als Forscher und sein privates Leben werden davon stark
beeinflußt. Das wird leicht vergessen, wenn man sich unter dem Stichwort
„Kepler“ lediglich an die drei nach ihm benannten Gesetze der Planetenbewegung
erinnert, vielleicht noch an die Erfindung des nach ihm benannten
astronomischen Fernrohrs aus zwei Sammellinsen.
Über Keplers Leben wissen wir heute sehr viel. In hunderten
von erhalten gebliebenen Briefen können wir seine Erlebnisse und Gedanken
miterleben. Bessere Zeitzeugen kann man sich gar nicht wünschen, sie sind einer
der interessantesten Zugänge für die Geschichte und Geistesgeschichte des
beginnenden 17. Jahrhunderts.
An
Keplers großen Werken ist besonders reizvoll, daß er den Leser am Gang der
Entdeckungen, einschließlich der Rückschläge, wenn sich etwas Neues an den
Beobachtungen nicht bewahrheitet hat, sehr ausführlich teilhaben läßt. Diese
Ausführlichkeit ist im 18. und 19. Jahrhundert auch getadelt worden. Dazu
sollte man sagen, daß es in der Tat nicht gut wäre, wenn alle
naturwissenschaftlichen Bücher
derart ausführlich abgefaßt wären. Bei einem Mann aus der Gründungszeit neuzeitlicher und selbstkritischer Naturwissenschaft darf man das anders sehen.
Im vergangenen 20. Jahrhundert hat deshalb eine tief
gehende Kepler-Forschung begonnen, die verborgenen Schätze in Keplers Werken
und Briefen zu heben, die neue wertvolle Einsichten in Keplers Persönlichkeit,
in seine bedingungslose Lauterkeit bei der Wahrheitssuche und in seine Zeit
ermöglichen.
Kepler ist als ein leuchtendes Beispiel für
verantwortungsvolle, der Wahrheit und der Ethik verpflichteten Forschung,
abhold jeglichem Dogmatismus, von großer Bedeutung für die Zukunft der
Menschen. Das gilt natürlich besonders für unsere Jugend, die zukünftig vor
zunehmend große ethische Fragen und Probleme umwälzender neuer
wissenschaftlicher Möglichkeiten, Erkenntnisse und Herausforderungen gestellt
sein wird, und die sich vielleicht erneut mit heraufziehenden, fundamentalistischen Dogmatismen
auseinandersetzen muß.
Der lautere Charakter und die überragende
Forscherpersönlichkeit von Johannes Kepler kann dabei ein großes Vorbild sein.
* Prof.
Dr. Manfred Fischer, Vorsitzender der Kepler-Gesellschaft e.V.
Dr. Ernst Kühn, Mitglied des Vorstands der
Kepler-Gesellschaft e.V.
·
Max Caspar:
„Johannes Kepler“, Stuttgart (vierte Auflage) 1995
·
„Johannes
Kepler in seinen Briefen“, herausgegeben von Walther von Dyck
und Max Caspar, München 1930
·
Justus
Schmidt: „Johann Kepler, sein Leben in Bildern und eigenen Berichten“, Linz (2.
Auflage) 1970
·
„Das
Kepler-Museum in Weil der Stadt, Museumsführer“, Kepler- Gesellschaft Weil der
Stadt 1999
·
Job Kozhamthadam, S.J.: „The
Discovery of Keplers Laws, the Interaction of
Science, Philosophy and Religion“, University of Notre
Dame Press (Notre Dame Indiana 46556) 1994
·
„Johannes
Kepler: Gesammelte Werke“ (22 Bände), herausgegeben im Auftrag der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (München)
1937 - . Vorwiegend lateinisch
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