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Somnium – Der Traum vom Mond


I. Entstehungsgeschichte
II. Inhalt
III. Der Mond nach Keplers Beschreibungen und in Wirklichkeit
IV. Textart – Der Science-Fiction-Roman





Neben seinen rein wissenschaftlichen Arbeiten hat Johannes Kepler auch ein literarisches Werk geschaffen, das Wissenschaftliches in Form eines kurzen Romans darstellt: Somnium – Der Traum vom Mond erzählt die Geschichte eines Mondreisenden und offenbart gleichzeitig Keplers Kenntnisse über den noch unerforschten Erdtrabanten.







I. Entstehungsgeschichte

Die Anfänge dieses Romans gehen zurück auf das Jahr 1593. Damals wollte Johannes Kepler in den Lehrkörper der Universität Tübingen aufgenommen werden und verfasste dafür eine Abhandlung, in der er darzustellen versuchte, wie die Himmelsphänomene und auch die Erde aussehen würden, wenn man sie vom Mond aus beobachten würde. Seine Anfrage wurde jedoch auf Grund seiner Nähe zur kopernikanischen Weltsicht von den Professoren, die noch in ihrem vorwissenschaftlichen Weltbild gefangen waren, abgelehnt.
Diesen Entwurf überarbeitete er rund sechzehn Jahre später während seiner Prager Zeit und gab dem nun ergänzten Werk den Titel „Somnium oder Nachträgliches Werk über die Lunar-Astronomie".
Kepler war von seinem Projekt überzeugt und rechtfertigte seine fiktionalen Raumfahrtvorstellungen mit schlüssigen aber auch mutigen Argumenten: „Wer hätte (vor Kolumbus) geglaubt, dass ein riesiger Ozean friedlicher und sicherer überquert werden kann als die schmale Fläche der Adria, der Ostsee oder des Ärmelkanals? ... Man schaffe Schiffe oder Segel, die den himmlischen Winden angemessen sind, und es wird sich jemand finden, der selbst die Leere (des interplanetaren Raums) nicht fürchtet. So lasst uns für jene, die bald diese Reise versuchen werden, die Astronomie aufstellen.“

Zu einer Veröffentlichung zu Keplers Lebzeiten kam es aber dennoch nicht. Als das Werk unter der Presse war, verstarb der Astronom und auch ein naher Verwandter, Jacob Bartsch, der sich nun um den Druck kümmerte, erlebte die Vollendung nicht mehr.

So veröffentlichte erst Keplers Sohn Ludwig 1634, also vier Jahre nach dem Tod des Vaters, das Buch im Eigenverlag. Wie aus einem Brief Ludwigs an den Fürsten Philipp, Landgraf zu Hessen, hervorgeht, kam es folgendermaßen dazu:
Ludwig, der erst von einer Reise mit einem österreichischen Baron zurückgekehrt war, bekam Besuch von seiner verwitweten Stiefmutter mit vier kleinen Kindern. Dabei hatte sie unvollständige Somnium-Exemplare und bat auf Grund ihrer Mittellosigkeit um Hilfe, außerdem forderte sie ihn auf, sich um die Vollendung des Drucks zu kümmern. Der Kepler-Nachfahre schreckte zunächst in Erinnerung an Kepler und Bartsch vor dieser Tat zurück. So meinte er: „konnte ich Gutes von diesem Traum erwarten, der meinem Vater und Schwager verhängnissvoll geworden war?“ Doch schließlich entschied er sich doch – nicht wenig stolz – für eine Mithilfe: „Um aber den großen und geehrten Namen meines Vaters nicht erlöschen zu lassen, sondern als Sohn, wenn nicht nach dem Maass meines geistigen Vermögens ihn zu vermehren, so doch zu erhalten, habe ich diese Bitte nicht abgelehnt, vielmehr gern mich ihr gefügt.“

Doch das Werk blieb sehr lange Zeit eine „nur wenigen bekannte literarische Kuriosität“. Dies hatte hauptsächlich zwei Gründe: Jahrelang gab es nur ein lateinisches Original und auch die 1898 entstandene deutsche Übersetzung erleichterte kaum das Verständnis. Bedeutender war aber wohl noch, dass Keplers Traum eben zu traumhaft und damit zu märchenhaft erschien, um ernst genommen zu werden.


II. Inhalt

Johannes Keplers „Somnium – der Traum vom Mond“ handelt von einem Jungen, dem ein Wesen von seiner Reise auf den Mond und seinen dortigen Entdeckungen erzählt.

Die Geschichte beginnt damit, dass Kepler einschläft und zu träumen beginnt. Alles Weitere findet nun in diesem Traum statt.
Der Traum spielt in der Nähe des Vulkans Hekla im Süden Islands und handelt von einem Jungen namens Duracoto und seiner Mutter Fiolxhilde. (Bemerkenswert ist, dass der Vater des Kindes im Alter von 150 (!) Jahren gestorben ist, hier wird also – vor allem wenn man beachtet, dass die damalige durchschnittliche Lebenserwartung bei noch nicht einmal 40 Jahren lag – schon die Fiktion des Stücks aufgezeigt.)
Die Mutter spricht mit dem Mond und sammelt Kräuter, „die sie zu Hause unter mancherlei Ceremonien und Sprüchen zubereitete, in Säckchen von Bockshaut that und sie so dem Schiffsvolke des benachbarten Hafens zum Verkauf bot“, man könnte sie also als eine Art „Kräuterhexe“ bezeichnen. Da Duracoto als 14-Jähriger eines der bereits verkauften Säckchen öffnet, übergibt die Mutter aus Zorn ihren Sohn anstelle des eigentlichen Säckchens an den Schiffer. Somit segelt der Junge am nächsten Tag mit seinem Eigentümer nach Dänemark, wo er Briefe des isländischen Bischofs an den dänischen Astronomen und Mathematiker Tycho Brahe übergeben sollte. Hier bleibt Duracoto einige Jahre und lernt neben der dänischen Sprache die Wissenschaft der Astronomie kennen. Fünf Jahre nachdem er seine Heimat verlassen hat, kehrt er nun als gebildeter Jüngling nach Island zurück, wo ihn die Mutter von Gewissensbissen geplagt gerne empfängt. Die Beiden tauschen wissbegierig ihre Kenntnisse aus und die Mutter weiht ihn daraufhin in die Vorzüge und Geheimnisse des kalten und finsteren Standortes ein. So seien ihnen hier „sehr weise Geister nahe, die das Licht anderer Länder und den Lärm anderer Menschen hassen, deswegen [ihre] Finsternis aufsuchen und mit [ihnen] vertraulich verkehren“. Einer davon sei ihr besonders vertraut, jener versetzt sie an Küsten, die sie kennen zu lernen wünsche oder berichte ihr stets von seinen Reisen. Nun möchte sie ihrem Sohn den Einblick in ein ganz besonderes Land ermöglichen, das Land Levania. Hierzu gehen Mutter und Sohn gemeinsam zu dem weisen Geist und er erzählt ihnen vom Land Levania – er erzählt vom Mond.
Und damit beginnt der Hauptteil der Geschichte: Keplers ausführliche Beschreibung des bisher unerforschten Himmelskörpers. Er beschreibt in Person des Dämons sowohl die Reise zum Mond, als auch die Zustände, die dort herrschen, inklusive der Böden, des Klimas und der Lebewesen, die dort wohnen.

Zum Schluss kommt wieder Johannes Kepler selbst zu Wort. Gestört vom prasselnden Regen, erwacht er aus dem Traum, kehrt wieder zu sich selbst zurück und findet sich auf einem Kissen liegend und in Decken gehüllt. Das Buch endet, ohne dass man erfährt wie es mit Mutter Fiolxhilde und Sohn Duracoto weitergeht.


III. Der Mond nach Keplers Beschreibungen und in Wirklichkeit


Alles in allem lässt sich eigentlich nur staunen über Keplers Genauigkeit und Richtigkeit, was sein Wissen über den natürlichen Satelliten der Erde anbelangte. Kepler beschrieb schon damals die Sichtweise, die ein Mondreisender haben wird und die in seinem Geiste existiert, so genau, wie sie Astronauten aus ihrer Raumkapsel kaum plastischer erblickten. Er nahm also um mehr als drei Jahrhunderte die Welt vorweg, in der wir heute leben.

Doch nicht nur unter dem Aspekt der Richtigkeit sollte man das Werk betrachten. Noch faszinierender und bedeutender ist eigentlich Keplers vorgenommener Perspektivwechsel. Er hat damit zu dieser Zeit einen ganz neuen Schritt gewagt, indem er das System Erde und ihr Sichtfeld, auf das sich bisher alles beschränkt hatte, verlassen und sich mit einem völlig neuen Standpunkt außerhalb dieses Systems ein neues Blickfeld eröffnet hat. Kepler bediente sich hier regelrecht revolutionärer Methoden.

So sagen auch britische Quellen: „Kepler's long-overlooked Somnium, one of the most important books in the history of science!”


IV. Textart – Der Science-Fiction-Roman

Kepler bediente sich nicht zufällig und grundlos der literarischen Gattung der Traumerzählung. Er musste sich vielmehr in Anbetracht der Inquisition gezwungen gefühlt haben, eine gewisse Distanz zwischen sich und dem Inhalt des Textes zu schaffen, um sich selbst zu schützen. Schließlich griff er zum einen mit seinen Ausführungen das Bild des anerkannten geozentrischen Systems an und zum anderen war die Art und Weise, die Erde zu verlassen und von außerhalb mit Standpunkt auf dem Mond zu betrachten, schlicht und ergreifend zu fortschrittlich für die damalige Zeit. Also stellte er seine Ideen in Form eines irreal wirkenden Traumes dar und entzog sich damit selbst der Verantwortung.

Außerdem stellt Keplers Somnium den ersten von einem Wissenschaftler verfassten Science-Fiction-Roman und einen der ersten im modernen Sinn dar. Seine Erzählung beeinflusste spätere Schilderer interplanetarer Reisen wie John Wilkins, Henry More, Samuel Butler oder Jules Verne.



Der Science-Fiction-Roman


Allgemeines

Darüber, ob Science Fiction eine eigene Gattung beziehungsweise ein Genre ist, herrscht immer noch Uneinigkeit, genau wie über eine exakte Definition.

Der Begriff Science Fiction kommt aus dem Englischen: science = (Natur-) Wissenschaft und fiction = Dichtung und darstellende Kunst (dazu gehören Romane, Erzählungen, Filme und andere Formen). Es gibt zahlreiche sinngleiche Bezeichnungen, wie z.B. Zukunftsroman/-literatur, Wissenschaftliche Phantastik, utopische Literatur, Phantastische Literatur, Speculative Fiction,...


Was ist Science Fiction?

Science Fiction ist hauptsächlich eine Literatur- und Filmform, die sich auf der Basis naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse mit fiktionalen Vorstellungen, Entwicklungen oder Neuerungen und deren Folgen auf das menschliche Leben beschäftigt, die in naher oder ferner Zukunft eintreten könnten.
Eine mögliche Definition lautet: „Science Fiction liegt immer dann vor, wenn (scheinbar) unmögliche Dinge gezeigt werden, die technischer Natur sind und von denen sich denken lässt, dass sie eines Tages möglich sein könnten.“ Es wird also Unbekanntes und Irreales rational erklärbar dargestellt.
Typische Themen, die gerne aufgegriffen werden, sind z.B. die Zeitreise, das Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit, der Weltraum inklusive all seiner möglichen Lebensformen, eine zukünftige Welt bzw. eine Parallelwelt, die Überwindung von Raum und Zeit (der „vierten Dimension”) durch neue Technologien, die Beschreibung von High-Tech-Waffen, die Erfindung neuer Kreaturen oder Lebewesen durch wissenschaftliche Manipulationen (Roboter, Androide oder Klone etc.),...

Unterscheiden muss man aber zwischen Science Fiction und Fantasy. Beide handeln von bisher Irrealem, doch während die Science Fiction auf Grundlage von Naturwissenschaft und Technik „in die Zukunft blickt“ (was aber nicht heißen muss, dass es das Fiktionale auch wirklich in der Zukunft geben wird!), erzählt eine Fantasy-Geschichte Märchenhaftes, das meist aus dem Mentalen oder Spirituellen, also dem Übernatürlichen entstammt und damit als irreal für alle Zeit erscheint. So finden sich bei Fantasy-Geschichten typischerweise Märchenelemente wie fliegende Besen, magische Tränke, Zauberei oder Fabelwesen.

Es gibt zwei grobe Kategorien zwischen denen innerhalb der Science Fiction unterschieden wird: die Hard-Science-Fiction und die Soft- Science-Fiction. Während bei der Hard- Science-Fiction großer Wert auf wissenschaftliche Genauigkeit und Details gelegt wird und die Naturwissenschaften – besonders Astronomie, Physik, Mathematik und Biologie – und technische Fortschritte im Vordergrund stehen, befasst sich die Soft-SF mehr mit philosophischen, psychologischen, politischen oder gesellschaftlichen Themen, und benutzt technische Errungenschaften eher am Rande und als Hilfsmittel, um die Handlung einzubetten.
Keplers Somnium gehört mit seinen schwerpunktmäßigen Ausführungen über den Mond und seine Beschaffenheiten eindeutig zur Hard-Science-Fiction.


Geschichte

Die Zeit der Science-Fiction-Romane begann mit den Entwicklungen in Wissenschaft und Technik. So war die Entwicklung des Fernrohrs sozusagen der Startschuss für Geschichten und Träumereien rund um Weltall und Mond. Der erste, der dies in einem Roman verfasste, war wie gesagt Johannes Kepler mit seinem Somnium. Ihm folgte 1656 der französische Schriftsteller Cyrano de Bergerac mit L’histoire comique contenant les états et empires de la lune.
Als Gründerin des Genres wie es heute besteht wird aber dennoch die englische Schriftstellerin Mary Wollstonecraft Shelley mit ihrem mehrfach verfilmten Schauerroman Frankenstein aus dem Jahre 1818, der von der Erschaffung eines künstlichen Menschen handelt, genannt .Ein deutscher Science-Fiction-Vertreter des 19. Jahrhunderts ist E.T.A. Hoffmann.


Bis heute hat es die Science Fiction teils schwer, gegen das Vorurteil von „billigen“ Stories mit scheußlichen Monstern, halbnackten hilflosen Frauen, geisteskranken Verrückten und grundlosem Gemetzel anzukommen und als „seriöse“ Literatur zu gelten.