
K e
p l e r - G e s e l l s c h a f t e.
V.
W e i l d e r
S t a d t
Stellungnahme
der Kepler-Gesellschaft
zum Buch von
Joshua Gilder und Anne-Lee Gilder
“Heavenly Intrigue:
Johannes Kepler, Tycho Brahe,
and the Murder Behind One of History’s
Greatest Scientific Discoveries”
bzw. in
deutscher Übersetzung
“Der Fall
Kepler
- Mord im
Namen der Wissenschaft”
Es handelt sich um eine absurde und abstruse – auch
nicht neue, sondern zum wiederholten Male aufgewärmte – “Giftmord-Story”, die
allerdings richtig spannend geschrieben ist und vordergründig auch seriös daher kommt.
Mit diesem Giftmord-Scenario ist der Autor Joshua Gilder,
ein Romanschriftsteller und früherer Redenschreiber des Weißen Hauses, offenbar
in seinem Element, ist er doch bisher vor allem als Autor eines
Medizin-Thrillers hervorgetreten. Die Co-Autorin, seine Frau Anne-Lee Gilder, hat als ehemalige deutsche Fernsehjournalistin
natürlich jetzt auch den deutschsprachigen Buchmarkt im Visier.
Man kann eine
“Story” auf viele Arten erzählen, vor allem wenn die Hauptpersonen schon seit
Jahrhunderten tot sind und nicht mehr als Gegenkläger auftreten und sich
verteidigen können. Um ihre Verschwörungstheorie zu begründen, verfolgen die
Autoren eine Doppelstrategie: Tendenzielle Spekulationen mit (seit den letzten
neunziger Jahren bekannten!)
medizinisch-technischen Hintergründen sowie die systematische Herabwürdigung
und Verunglimpfung von Keplers Charakter
und Leistung bei gleichzeitiger Glorifizierung von Tycho
Brahe als Persönlichkeit und Forscher.
Medizinisch-technische Hintergründe von Tychos
Erkrankung und Tod
1991 übergab
der Direktor des tschechischen Nationalmuseums dem dänischen Botschafter in
Prag ein Kästchen mit Barthaaren Tycho Brahes, die bereits 1901 bei der Öffnung von Tychos Grab in der Teyn-Kirche
gefunden wurden. In Kopenhagen wurden die Barthaare am gerichtsmedizinischen
Institut der Universität mit Hilfe eines Atom-Absorptionsspektrometers
auf Spuren von Blei, Arsen und Quecksilber untersucht.
Die
Untersuchung ergab: Der Bleigehalt war
ziemlich hoch, was aber auf die Verwendung von Blei in Wasserrohren,
Küchengeschirr und als Süßungsmittel für Wein zurückgeführt werden kann. Der
Arsengehalt war sehr gering. Dagegen fand sich eine deutlich erhöhte Konzentration von Quecksilber in Tychos Barthaar. Ob allerdings Tycho
Brahe an einer Quecksilbervergiftung starb, ist bis heute unbewiesen.
Fünf Jahre
später, 1996, wurde an der Universität Lund/Schweden
eine weitere Untersuchung an einem Barthaar mit Wurzel vorgenommen, dieses Mal
nach der PIXE-Methode (Particle
Induced X-ray Emission).
Nun konnte auch der Zeitpunkt ermittelt werden, an dem das Barthaar der
Substanz ausgesetzt wurde. Die Untersuchung mit der PIXE-Methode
ergab, daß Tycho einen Tag vor seinem Tod Quecksilber
einnahm, wahrscheinlich in einer von ihm selbst hergestellten Medizin, die er
wegen seines Blasenleidens (wohl regelmäßig) eingenommen hat.
Es ist dabei
wichtig zu beachten, daß in der damaligen Zeit Medikamente eingesetzt wurden,
die Quecksilber als wichtigen Bestandteil enthielten.
Außerdem hat Brahe – neben seinen astronomischen Forschungen - 30 Jahre
lang alchemistische Experimente
durchgeführt. In der Alchemie spielte damals Quecksilber eine besonders
wichtige Rolle. Bei den dabei sehr häufig durchgeführten Destillationen mit
elementarem Quecksilber befand sich der Alchemist geradezu in einer Wolke von
Quecksilberdampf. Quecksilber in Dampfform ist bekanntlich lungengängig und
wird über das Blut in sich nachbildenden Organen des Körpers (z.B. in Haaren)
angereichert. Man kann davon ausgehen, daß Alchemisten demnach sowieso
chronisch quecksilberbelastet waren, und braucht sich
über hohe Konzentrationen in Haaren nicht zu wundern. In seinem chemischen
Labor hat Brahe außerdem ständig quecksilberhaltige
Medikamente gegen epidemische Krankheiten zubereitet. Tycho
Brahe hat also jahrzehntelang mit Quecksilber
hantiert.
Es gibt
keinerlei medizinische Hinweise und schon gar keine Beweise, daß Tycho Brahe ermordet wurde – von wem
auch immer – auch nicht mit Quecksilber.
Einer der
engsten Freunde von Tycho Brahe,
Dr. Johannes Jessenius, beschrieb den
Krankheitsverlauf von Tycho in der letzten Phase so,
daß Tycho in großer Klarheit sehr viele Dinge ordnete
und sich inmitten von Betenden von allen verabschiedete. Das ist nur so zu deuten, daß er sich seines
nahe bevorstehenden Todes bewußt war. Doch wie sein Krankheitsverlauf an den
letzten Lebenstagen Tychos wirklich war, werden wir
nie wissen.
Tycho Brahe hat dabei auch festgelegt, daß nach seinem Tod,
Johannes Kepler alle seine wissenschaftlichen Unterlagen durchsehen soll.
Kepler hat dann nach Brahes Tod einige von Brahe begonnene
Arbeiten abgeschlossen und korrekterweise nur unter Tycho
Brahes Namen veröffentlicht.
Außerdem hat Brahe auf dem Totenbett Kepler als seinen Nachfolger als
Kaiserlicher Mathematiker vorgeschlagen, was von Kaiser Rudolph II dann
vollzogen wurde.
Es ist aber
offenbar trotzdem für manche Autoren eine unwiderstehliche Versuchung, auf
einer solchen Basis entsprechend spekulative Giftmord-Szenarien und
Verschwörungstheorien zu entwickeln - nicht zuletzt weil sich damit auch hohe
Buch-Auflagen und Quoten in den Medien erzielen lassen.
Nachdem diese
Untersuchungsergebnisse bekannt waren, entstanden bereits in den neunziger
Jahren die ersten reißerischen Spekulationen. So erschien z.B. schon im Jahr
1992 das Buch eines christlichen Fundamentalisten, der behauptete, Kepler habe
– als damaliger Mitarbeiter von Tycho Brahe – Tycho vergiftet, um in
den Besitz der tychonischen Beobachtungsdaten zu kommen. Außerdem sei
Kepler kein im Sinne der Evangelikalen
gläubiger Christ gewesen, da er ja eine entscheidende Rolle bei der
Durchsetzung des kopernikanischen Weltbildes gespielt habe. Und dieses Weltbild
sei abzulehnen, da dies ja so nicht wörtlich in der Bibel stünde.
Tycho Brahe und Johannes Kepler
Im Gegensatz
zu allen bisherigen Biographien über Brahe und Kepler
versuchen die Autoren des angesprochenen Buches alles, um ein möglichst
vernichtendes Bild von Keplers Charakter zu zeichnen und eine möglichst
großmütige, erhabene und edle Persönlichkeit von Brahe
dagegen zu stellen.
Diese
durchsichtigen und ausschließlich dem spekulativen Ziel des Buches
zweckdienlichen Unterstellungen können jedoch aufgrund aller vorliegenden,
wissenschaftlich fundierten Biographien über die beiden Personen nur als
absurd bezeichnet werden.
Kepler war
sicher keine einfache Persönlichkeit. Aber er wird in allen anspruchsvollen
Arbeiten über seine Persönlichkeit ohne Ausnahme als ein friedliebender,
tiefgläubiger Christ dargestellt, der während seines ganzen Lebens Brücken
gebaut hat zwischen sich bekämpfenden
religiösen, politischen und sozialen Gruppen.
Ohne Tycho Brahe in ein schlechtes
Licht setzen zu wollen, ist sich die Fachwelt doch einig, daß er eine extrem
autokratische Persönlichkeit war, die häufig weit entfernt war von Großmut,
Güte und Milde.
Kepler war
auch nie der “Assistent” von Brahe, sondern ein von
ihm nach Prag eingeladener Gastwissenschaftler. Denn Brahe
hatte frühzeitig erkannt, daß der 25 Jahre jüngere Kepler wohl der kommende
Mann auf dem Gebiet der Astronomie ist. Der junge Kepler seinerseits war im
Jahr 1600 hoch erfreut, mit Tycho zusammenarbeiten zu
können. Brahe war zu der Zeit der bedeutendste
messende astronomische Beobachter, der in Kepler bereits den überragenden
Theoretiker erkannte. Da sich die beiden wissenschaftlich nahezu ideal
ergänzten, waren beide auch an einer
fachlichen Zusammenarbeit stark interessiert.
Hätte Kepler überhaupt ein Mord-Motiv haben können, um an Brahes Meßdaten heranzukommen?
Nein, denn
Kepler hat von Tycho Brahe
selbst dessen wichtigste Meßdaten, nämlich seine umfangreichen Marsdaten
erhalten. Über keinen anderen Planeten hatte Tycho
mehr Meßdaten gewonnen als über den Mars! Bereits vor
Tychos Tod war Kepler in der Analyse der Marsbewegung
gut vorangekommen.
Auf Wunsch von
Brahe sollte Kepler die Marsbahn, die eine besonders große
Exzentrizität (Abweichung von der Kreisbahn) aufweist, näher untersuchen. Für
diese Forschungen konnte Kepler bereits zu Lebzeiten Brahes
dessen Beobachtungen umfassend nutzen! Er nannte dann seine weiteren Arbeiten
für seine berühmte “Astronomia Nova” (mit den beiden
ersten Keplerschen Gesetzen) auch griffig seinen “Kampf mit dem Mars”.
Außerdem waren
Brahe und Kepler sechs Wochen vor Brahes
Tod gemeinsam bei Kaiser Rudolph II, um das von Rudolph an beide Astronomen in
Auftrag gegebene Projekt zu besprechen, neue verbesserte Planetentafeln zu
berechnen. Dabei wurde vom Kaiser festgelegt, daß
Kepler alle Meßdaten von Brahe für die Berechnung
dieser Tafeln zur Verfügung stehen müssen und diese Tafeln den Namen “Rudolphinische Tafeln” erhalten sollen.
Es gab also -
auch von der Sache her - kein Motiv für Kepler, Tycho
Brahe zu ermorden.
Die späteren
heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kepler und den Erben von Tycho Brahe, die (nach Brahes Tod) vor allem dessen wertvolle Meßdaten vermarkten
wollten, sind eindeutig eine ganz andere Geschichte.
Keplers Bedeutung für die neuzeitliche Naturwissenschaft
Johannes
Kepler hat zusammen mit Galileo Galilei, René Descartes und Isaac Newton im 17.
Jahrhundert die neuzeitliche Naturwissenschaft begründet. Keplers
Forschungsmethode, theoretische Erkenntnisse konsequent mit experimentellen
Ergebnissen zu überprüfen, wurde zum Vorbild in den Naturwissenschaften.
Kepler hat ein
Werk von überragender wissenschaftlicher Bedeutung und Vielfalt hinterlassen,
auf dem Generationen von Forschern aufbauten. Er leistete nicht nur
Bahnbrechendes in der Astronomie, sondern auch in der wissenschaftlichen Optik,
Mathematik, Musiktheorie und Naturphilosophie.
Er machte sich
bereits am Anfang des 17. Jahrhunderts Gedanken darüber, wie der Mensch zum
Mond gelangen könnte, und schuf mit seinen Erkenntnissen wichtige Grundlagen
dafür, daß dieser Menschheitstraum im 20. Jahrhundert Wirklichkeit werden
konnte.
Keplers Bedeutung für die heutige Jugend
Auf der Basis
einer tiefgehenden Kepler-Forschung im 20. Jahrhundert gilt Kepler als ein
leuchtendes Beispiel für verantwortungsvolle, der Wahrheit verpflichtete
Forschung, abhold jeglichem Dogmatismus. Das gilt besonders für die heutige
Jugend, die zukünftig vor große ethische Fragen und Probleme umwälzender neuer
wissenschaftlicher und technischer Möglichkeiten, Erkenntnisse und
Herausforderungen gestellt sein wird.
Der lautere
Charakter und die große Forscherpersönlichkeit von Johannes Kepler kann dabei
Vorbild sein.
Ethische
Verantwortung von Autoren und Medien
Die Lektüre
des vorliegenden Buches mahnt eindringlich, daß nicht jeder Zweck die Mittel
heiligen darf. Die hier abgegebene Stellungnahme der Kepler-Gesellschaft dringt
darauf, daß (hoffentlich) spätestens bei der medialen Begleitung Grenzen
ethischer Verantwortung kritisch hinterfragt werden.
Weil der
Stadt, 04. März 2005
Prof. Dr.
Manfred Fischer
Für den
Vorstand der Kepler-Gesellschaft e.V.
Vorsitzender:
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7318, Fax: – 690 614, e-mail: m.i.fischer@t-online.de
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